Hengstler:

"Bleifrei" ist nicht alles!






Zusammenhänge und Forderungen der WEEE- und RoHS-Richtlinien

„Bleifrei“ ist ein viel verwendetes Stichwort, das aber nur einen Teilaspekt in Verbindung mit den Richtlinien des Elektro- Elektronikgerätegesetzes (ElektroG) zu den Themen „Elektroschrott“ (WEEE) und „Stoffverbot“(RoHS) anspricht.

Im folgenden Beitrag soll der Zusammenhang zwischen den Richtlinien und den sich daraus ergebenden Anforderungen aufgezeigt werden.
Richtlinie „WEEE“
Die WEEE-Richtlinie regelt die Entsorgung des so genannten Elektro- und Elektronikschrotts. Die betroffenen Geräte sind in der Richtlinie im Anhang IA in 10 Kategorien aufgeführt und im Anhang IB detailliert benannt:

„WEEE“ Anhang IA

1. Haushaltsgroßgeräte
2. Haushaltskleingeräte
3. IT- und Telekommunikationsgeräte
4. Geräte der Unterhaltungselektronik
5. Beleuchtungskörper
6. Elektrische und elektronische
Werkzeuge (mit Ausnahme ortsfester
industrieller Großwerkzeuge)
7. Spielzeug sowie Sport- und Freizeitgeräte
8. Medizinische Geräte (mit Ausnahme
implantierter und infizierter Produkte)



9. Überwachungs- und Kontrollinstrumente
(Ergänzung aus Anhang IB:
Rauchmelder
Heizregler
Thermostate
Geräte zum Messen, Wiegen oder
Regeln in Haushalt und Labor
Sonstige Überwachungs- und
Kontrollinstrumente von Industrieanlagen)
10. Automatische Ausgabegeräte
Betroffen sind Geräte, die über kommunale, bzw. öffentliche Systeme ihrer Entsorgung zugeführt werden.
Dies war und ist auch zukünftig nicht der Entsorgungsweg von Investitionsgütern, wie zum Beispiel von Produkten des Maschinen- und Anlagenbaus oder der industriellen Automations und Verfahrenstechnik. Diese Ausnahme ist unter der Kategorie 6 geregelt.
Gemäß der Artikel 5 und 9 der Richtlinie sind hier andere entsprechende Vereinbarungen zulässig. Die Produkte sind der Kategorie 9 zuzuordnen, auch wenn sie bereits durch die Ausnahme in der Kategorie 6 erfasst sind.

Dies entbindet die betroffenen Gerätehersteller aber nicht von der Pflicht, sich im Elektro-Altgeräte-Register (EAR) bis spätestens 23.11.2005 erfassen zu lassen (www.stiftung-ear.de). Zur Anmeldung gehört die Glaubhaftmachung, dass die Produkte zu den Kategorien 8 und 9 gehören, bzw. industriellen Großwerkzeugen Kategorie 6 zuzuordnen sind. Die Registriernummer ist im schriftlichen Geschäftsverkehr stets anzugeben.

Richtlinie RoHS
Artikel 2 der RoHS-Richtlinie bezieht sich auf die gleichen Kategorien wie die WEEE-Richtlinie. Sie umfasst aber nicht die Kategorien 8 und 9 und schließt sie damit aus dem Geltungsbereich aus. Damit fallen Bauelemente, zum Beispiel Schaltrelais (Elementarrelais), die nur in Produkten der Kategorien 8 und 9 enthalten sind, nicht in den Geltungsbereich der Richtlinie.

Diese Ausgrenzung ist im Elektro-Elektronikgerätegesetz klar formuliert:
ElektroG – §5 Absatz 1
... gilt nicht für Elektro- und Elektronikgeräte der Kategorien 8 und 9 ...

Die RoHS-Richtlinie stellt Anforderungen, die über die Vermeidung von Blei hinausgehen. Zu vermeidende Stoffe sind in Artikel 4 aufgeführt:
RoHS Artikel 4
. ... kein Blei, Quecksilber, Cadmium, sechswertiges Chrom, polybromiertes Biphenyl (PBB) bzw. Polybromiertes Diphenylether (PBDE) enthalten

Die Stoffe sind in Verbindung mit den im Anhang der RoHS aufgeführten Ausnahmen zu sehen, sowie mit der in Artikel 5 beschriebenen Klausel zur Anpassung an den technischen Fortschritt.

Die deutschen Relaishersteller haben mit dem Verbot der benannten Flammhemmer kein Problem. Die aktuell verwendeten Kunststoffe sind in der Regel bereits RoHS-konform. Ein Problem kann sich beim Kontaktwerkstoff Silber-Cadmium-Oxid (AgCdO) ergeben. Für den in einem breiten Lastbereich universell verwendbaren Kontaktwerkstoff gibt es derzeit keinen gleichwertigen Ersatz.
Eine Ablösung ist ohne spezifische Einschränkungen bezüglich der Einsatzbedingungen nicht möglich.
Für die in den Geltungsbereich der Richtlinie fallenden Geräte müssen deshalb die Spezifikationen angepasst und deren Freigaben erneuert werden.
Außerhalb des Geltungsbereiches der Richtlinie Kategorien 8 und 9 können Relais mit AgCdO als Kontaktwerkstoff weiterhin verwendet werden. Relais für Geräte, die in den Geltungsbereich der Richtlinie fallen, müssen entsprechend deklariert sein, beispielsweise als RoHS-konform. Der Begriff „bleifrei“ reicht allein nicht aus.
Betrachtet man die Gesamtheit der Geräte und Anlagen, so ergibt sich durch die Verarbeitungstechnologie der Bauelemente eine Gemeinsamkeit.
Sie ist unabhängig davon, ob die Bauelemente vom Geltungsbereich der RoHS-Richtlinie erfasst werden oder nicht. Es ist die Verbindungstechnik zwischen den Anschlüssen. Wendet man generell bei der Weiterverarbeitung bleifreie Löttechnik an, so macht hier die Formulierung „bleifrei verzinnte Anschlüsse“ Sinn. Die angewandte Technologie (Reflow für SMD oder Welle / Bad für „bedrahtete“ Bauelemente) ist dabei zu beachten.

Die bisherige Universalität von Lot - SnPb 60/40 oder SnPb 65/35 - ist bei bleifreien Loten derzeit nicht gegeben. Dies betrifft vor allem die so genannten bedrahteten bzw. bestifteten Bauelemente und ist deshalb ein eigenes Thema. Die Vielfalt der bleifreien Lote bedingt eine gleiche Vielfalt von Oberflächen der Lötanschlüsse, außer bei einer Oberfläche aus Reinzinn. Neben der Angabe „Anschlüsse bleifrei verzinnt“ ist die Nennung des verwendeten Lotes, beispielsweise „mit Sn“, notwendig.
Zur Vorbereitung auf die Umsetzung der Richtlinien „WEEE“ und hier insbesondere „RoHS“ in die Praxis, ist zuerst zu prüfen, inwieweit die Produkte vom Geltungsbereich erfasst sind oder nicht. Gegebenenfalls sind für die verwendeten Schaltrelais (Elementarrelais) die Spezifikationen zu überprüfen, anzupassen und frei zu geben.
Die Frage nach der Verzinnung der Lötanschlüsse am Relais, ist separat zu klären. Dies hängt von der angewendeten Technologie im Zuge der Weiterverarbeitung in Verbindung mit dem speziell verwendeten Lot ab.


Wichtig!
Es dürfen keine Geräte mehr in Umlauf gebracht werden, wenn sich der Hersteller nicht bis zum 23.11.2005 im Elektro-Altgeräte-Register (EAR) registrieren hat lassen [dies gilt auch bei Ausnahmeregelungen].
Download Posiitionierpapier des VDMA
Download Positionierpapier des Fachverbandes Automation im ZVEI e. V.
Eberhard Kirsch

Im Web publiziert - 11/2005


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