Gut oder gut gemeint

AKTUELL: Wie plausibel ist der Herkunftsnachweis von Konfliktmetallen?


Es ist richtig, nur Rohstoffe zu verwenden, die aus ethischer Sicht einwandfrei sind!
Insbesondere bei Metallen wurde dieses Ziel durch die im Jahr 2010 erfolgte Ratifizierung des Franklin-Dodd-Act durch den amerikanischen Präsidenten in einem Gesetz manifestiert. In der Konsequenz ist dabei die gesamte Lieferkette, von der Abbaustelle bis hin zum Verwender nach sozialen, ethischen, völkerrechtlichen oder auch kriegerischen Aspekten abzuklopfen.
Ähnliche Forderungen der UN, der OECD und nicht zuletzt die neueste Initiative zu Konflikt-Metallen der EU-Kommission zeigen, dass ein hoher Sensibilisierungsgrad erreicht ist und von allen gesellschaftlichen Ebenen aktives Handeln eingefordert wird, so wie es schon seit Jahren bei den „Blutdiamanten“ Gang und Gäbe ist.
Die spannende Frage dabei ist, wie werden judikative Vorgaben praktisch umgesetzt und wie glaubwürdig ist ein Herkunftsnachweis von Metallen? Wo in der Lieferkette kann ein Herkunftsnachweis eindeutig erbracht werden?
Wie vertrauensvoll ist dieser und wie groß ist der Aufwand, diesen Nachweis über die gesamte Lieferkette bis hin zum Endverbraucher lückenlos zu gewährleisten?
Wie global verbindlich sind solche Vorgaben und wie werden diese geprüft und sanktioniert?
Im Gegensatz zu einer ökologischen Beurteilung von Stoffen, bei der u.a. toxikologische Bewertungen, Umweltaspekte bei Gewinnung, Verarbeitung, Recycling und Entsorgung auf Basis von Stoffeigenschaften vorgenommen werden, sind ethische Aspekte in erster Näherung stoffunabhängig.
Sie begründen sich durch eine gesellschaftliche Bewertung und unterliegen Veränderungen, gerade dann, wenn die Beurteilung geopolitisch oder aufgrund von sozialen Aspekten, wie z.B. Kinderarbeit, in einem Land erfolgt. Somit benötigen alle Beteiligten im Wirtschaftskreislauf genaue Vorgaben, die zu vertrauenswürdigen Aussagen führen, insbesondere bei rechtlichen Konsequenzen.
Eine erste rechtsverbindliche Konsequenz im Bereich der Mineralien und Metalle war der Franklin-Dodd-Act. Eigentlich wurde der Dodd–Frank Wall Street Reform and Consumer Protection Act mit seinen 15 Kapiteln und 541 Artikeln in erster Linie als Antwort der US-Regierung auf die Finanzkrise von 2007 verfasst. Auf 849 Seiten geht es hauptsächlich darum, verbesserte Regeln, Verantwortlichkeiten und erhöhte Transparenz im Finanzsystem zu erzielen.
Erst im letzten Kapitel (XV - Miscellaneous Provisions) werden die Herkunftsnachweise von Mineralien und Metallen beschrieben. Lediglich das Gebiet der Demokratischen Republik Kongo ist in diesem Kapitel erwähnt.
Ähnlich der Blutdiamanten, soll der Handel mit den Metallen Niob, Tantal, Wolfram, Zinn und Gold sowie deren Legierungen aus dieser Region nicht weiter zur Finanzierung der regionalen Konfl ikte genutzt werden können. Weitere Regelwerke kommen hinzu:
Abgeleitet aus US-Gesetzen oder aus Beschlüssen und Empfehlungen internationaler Organisationen, wie UN, OECD NGO’s (Non Goverments Organisations) entsteht ein weltumspannendes Netz an Regelwerken, die von der Industrie erfüllt werden sollen. Mit dem Vorstoß der EU-Kommission zur Erstellung einer Richtlinie zum Umgang mit Konflikt-Metallen wird dies mehr als deutlich. Heraus kommen dabei „politische Gesetze“, die hehre Ziele verfolgen, aber kaum umsetzbar sind.
Es wird vorausgesetzt, dass jeder in der Lieferkette die Verantwortung für die Herkunft der verwendeten Stoffe übernimmt. Dieser Ansatz mag richtig sein. Doch wie kann ein „nachgelagerter Anwender“, welcher die Rohstoffe als Halbzeug wie Drähte, Niete, Metallbänder, Lote oder auch als Salzverbindung für Galvanikbäder verwendet, einen Nachweis über die Herkunft führen?
Zum einen kommen diese Metalle von verschiedensten Förderstätten auf unserem Globus und zum anderen wird ein Großteil der Stoffe recycelt.
Ein eindeutiger Herkunftsnachweis ist nur nach dem Abbau der Mineralien möglich. Dieser „geologische Fingerabdruck“ ist nach der Weiterverarbeitung aufgrund diverser Verarbeitungsprozesse nicht mehr möglich. Bei Recyclingmaterial ist ein Herkunftsnachweis schier unmöglich. Somit muss beim Rohstoffhersteller oder, wenn dies überhaupt machbar ist, beim Recycler der Nachweis erfolgen.
Auf deren Aussagen müssen sich alle weiteren Glieder in der Lieferkette bis hin zum Endverbraucher und den Überwachungsbehörden verlassen können.
Glaubhafte Nachweiszertifikate von akkreditierten Stellen müssen damit die Basis fu.r alle nachfolgenden Nachweisverpfl ichtungen sein. Einige Initiativen und Regelwerke gehen in diese Richtung, die auch vom ZVEI unterstützt werden und in dem ZVEI Positionspapier „Konfliktrohstoffe Positionspapier und Hintergrundpapier der Elektroindustrie“ aufgeführt sind:

OECD, „Due Diligence“-Leitlinien
• EICC und GeSI, „Conflict-Free-Smelter“-Initiative
• EITI-Initiative
• Bestehende NGO-Initiativen zur Sorgfalt in der Lieferkette, wie der Ansatz des „Enough Project“, das ebenfalls auf die Zertifizierung der Schmelzbetriebe setzt
• EU-Verordnung 1183/2005, Einfrieren der Konten und Wirtschaftsressourcen
• EU-Verordnung 889/2005, Waffenembargo; Verbot finanzieller Unterstützung
Quelle: ZVEI Broschüre „Konfliktrohstoffe Positionspapier und Hintergrundpapier der Elektroindustrie“ (2013)

Somit ist der Ansatz einiger Initiativen, den Ursprungsnachweis direkt beim „Erzeuger“ zu erbringen, der einzige Weg, einen glaubhaften Nachweis zu erhalten – insbesondere, da es weltweit nur eine überschaubare Anzahl von Minen und Schmelzen gibt, die diese Werkstoffe verarbeiten.
Die OECD schätzt, dass es derzeit rund 200 Unternehmen sind, die für die Verarbeitung in Frage kommen.
Wermutstropfen der meisten Initiativen sind sich daraus entwickelnde „Insellösungen“. Jedes Land, Gebiet, Industrie usw. definiert eigene Regeln, Approbationenund Zertifikate. Am Ende sollten aber vergleichbare oder besser noch identische Regeln für die Herkunftsnachweise stehen. Diese müssen zur rechtsverbindlichen Anerkennung in den verschiedenen Ländern und Wirtschaftsräumen führen. Es nützt nichts, wenn Nachweise erbracht werden, die dann aus formalen Gründen nicht akzeptiert werden und zu Bußgeldverfahren und Sanktionen führen.
Zudem muss der ganze Aufwand bezahlbar bleiben. Bei vergleichbaren Vorgaben, die im ersten Schritt die Nachweispflicht dem Erzeuger auferlegen, ist dies am ehesten gewährleistet.
Nachgelagerte Anwender und öffentliche Stellen könnten diesen „Ur-Nachweis“ als Basis für Ihre Dokumentationen verwenden. Die Legitimation der verwendeten Mineralien wäre dann auch für den Endkunden plausibel und glaubhaft.
Von nachgelagerten Unternehmen in der Lieferkette „Ursprungsnachweise“ einzufordern, ist nicht machbar. Ein Gastronom muss sich ja auch auf den Herkunftsnachweis seiner Lebensmittel verlassen können. Nicht ohne Grund bekommen unsere Rinder direkt nach der Geburt vom Erzeugerbetrieb die allseits bekannten gelben Ohrmarken. Von politischer Seite ist dieser Prozess fortwährend zu betreuen. Zum einen müssen die „guten“ Unternehmen der jeweiligen Regionen weiterhin am Welthandel teilnehmen dürfen und zum anderen befrieden sich Länder und Regionen. Deren Wirtschaft muss dann wieder zurück in den Welthandel integriert werden.

Doch wann greifen politische Veränderungen? Wann wird ein Embargo zurückgenommen und wer bestimmt dies?
Machen dies alle Länder und Regionen gleichzeitig? Was ist bei Fehlverhalten von Unternehmen? Was ist, wenn eine Wirtschaftsregion ausschert, um eigene Interessen zu verfolgen?
Sind die Sanktionen bei Missachtung überall vergleichbar oder ist es in einem Wirtschaftsraum ein grober Verstoß und im anderen Wirtschaftsraum bloß eine Bagatelle?
Nicht abgestimmte Entscheidungen hätten direkten Einfluss auf den wirtschaftlichen Erfolg oder Misserfolg jedes einzelnen Unternehmens. In der Regel schweigt die Politik bei diesen Fragen und es bleibt den Unternehmen selbst überlassen, das wirtschaftliche Risiko durch eigene Maßnahmen abzusichern. Hersteller von Schaltelementen wie Relais sind von dieser Entwicklung unmittelbar betroffen. Als nachgelagerte Anwender beziehen wir unsere Metalle und Legierungen in mannigfaltiger Form und Art als Kupferlegierungen für die Kontaktfedern oder Funktionselemente im Relais, als Kupferlackdrähte für Relaisspulen, als Schaltkontaktwerkstoffe oder als Zinnlegierungen für Anschlusspins.
So mannigfaltig die Metalle und Verarbeitungsformen sind, so mannigfaltig sind auch deren Lieferquellen.
Es ist zu einfach, eine berechtigte politische Forderung auf die Industrie abzuwälzen, ohne die Konsequenzen im Detail zu beleuchten. Es besteht die Gefahr, dass ethisch zu unterstützende Forderungen und Vorgaben durch unglaubwürdige Nachweise, aufblähende Bürokratie und unterschiedlich agierende Wirtschaftsregionen ad absurdum geführt werden.

„Gut gemeint“ ist eben nicht „Gut“.
Und somit sollte es das Ziel sein, dass Industrieunternehmen mit Ihren Verbänden bei der Gestaltung einer guten Lösung zum Nutzen aller mitwirken


Jürgen Steinhäuser, Elesta relays GmbH




©2014 Forum Innovation der
Deutschen Schaltrelais-Hersteller im ZVEI
Update 04/11/2014